Freiheit statt Angst

ATZblog | 13. Januar 2012

Zum neuen Jahr haben Sie sich sicher neue Ziele gesetzt. Sie wollen 2012 eine bestimmte Entwicklung erfolgreich abschließen. Oder endlich für eine aus Ihrer Sicht sehr innovative Produktlinie den ersten Kunden finden. Oder, oder, oder…

Ziele haben ihre Berechtigung, aber auch ihre Grenzen. Ohne Ziele irrten wir umher, es gäbe nur den Zufall als Fortschrittshelfer. Folglich beginnt mit dem Januar in vielen Firmen der jährliche “Zielvereinbarungsprozess”, der den Beitrag des Mitarbeiters zu den Unternehmenszielen schriftlich fixiert und das Erreichen mit einer Prämie belohnt. Doch welches Menschenbild steht hinter diesem Handeln? Der von der Forschung längst überholte “homo oeconomicus”, der nur seinen eigenen Vorteil sucht?

Die Wahrheit ist eine andere. Menschen sind motiviert, sie müssen nicht motiviert werden. Menschen wollen sinnvolle Arbeit leisten. Menschen haben Ideen und wollen bei deren Umsetzung gute Ergebnisse erzielen. Und sie unterstützen sich auch ohne direkte Gegenleistung dabei.

Die entwicklungspsychologische Forschung zeigt mittlerweile einhellig, dass es fatal ist, die Lernfortschritte eines Kindes materiell zu belohnen. Die Leistungsbereitschaft tötet der so Erziehende rasch ab, sein einziger Erfolg wird eine “What’s in for me?”-Haltung sein. Wie kann es denn sein, dass so eindeutig abgesicherte Forschungsergebnisse nicht in die betriebliche Praxis übernommen werden? Der Verdacht liegt nahe, dass es Managern von abhängig Beschäftigten darum geht, Macht über Menschen zu haben, die in Abhängigkeit und Angst verharren, selbst wenn sie als freie Menschen bessere Ergebnisse erzielen könnten.

Wahrscheinlich erledigt sich das Problem von selbst. Der qualifizierte Mensch wird in allen Industriestaaten Mangelware. Wer die Besten seines Faches um sich scharen will, wird mit Freiheit argumentieren müssen. In einer sich rasch wandelnden Welt muss die Firma Angst vor dem Untergang haben, nicht aber der einzelne Mensch. Erfolgreiche Unternehmen werden ihre Strukturen, Arbeitszeitmodelle und Entlohnungssysteme an den Menschen anpassen.

Denken Sie darüber nach, wenn Sie ihre Jahreszielgespräche führen – und fragen Sie Ihre Mitarbeiter, was die wirklich wollen.

(Autor: Johannes Winterhagen, Chefredakteur)

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