Einsamkeit
ATZblog | 13. Juli 2010
Es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht schon die eine oder andere Form von Einsamkeit und Verlassenheit erfahren hätte. Einsamkeit wird auch sehr gegensätzlich erfahren. Zum Beispiel kann ich mich selbst zurückziehen, um etwas zu empfinden, nachzudenken, ein Kunstwerk zu genießen oder einfach nur da zu sein und zu träumen. Dann genieße ich meine Einsamkeit, bin in ihr zuhause, bei mir selbst.
Auf der anderen Seite kann sie als Isolation, Leere, Verlassenheit, als quälend, bedrückend, lebensverengend empfunden werden. Sie kann aber auch der Selbstfindung des Menschen, der Entfaltung seiner schöpferischen Kräfte und Fähigkeiten dienen und so als beglückend empfunden werden. In beiden Fällen ist sie etwas anderes als bloßes Alleinsein. Einsamkeit ist ihrem inneren Wesen nach ein innerer, seelischer Zustand. Deshalb kann ich sie nicht nur auf der Spitze eines Berges oder in der Stille des Waldes empfinden, sondern auch mitten in einer Menschenmenge oder im Betrieb.
Die negative Form der Einsamkeit hat viele Gesichter: Isolierung in der Wohnung oder am Arbeitsplatz; die Unfähigkeit, zu einem Menschen zu sprechen; der Verlust eines geliebten Menschen. Die schlimmste Erfahrung der Einsamkeit macht wohl der leidende, besonders aber der sterbende Mensch. Die positive Form der Einsamkeit wäre die selbstgewählte, frei und bewusst gesuchte. Es ist das Bedürfnis, sich zu orientieren, ein neues Selbstgefühl und Selbstbewusstsein zu finden. Der Mensch braucht immer wieder den Rückzug aus der Welt der äußeren Anforderungen. Nur wer sich in der Stille sammelt und sich dann einer neuen Aufgabe zuwendet, der erfährt, wie er sich zwar auch hin und wieder einsam fühlen kann, aber er wird nicht dem tödlichen Sog der Leere erliegen.
(Autor: Wolfgang Siebenpfeiffer, Herausgeber ATZ / MTZ)






