F&E müssen uns heilig sein
ATZblog | 3. April 2009
Rudyard Kipling schreibt in seinem berühmten Gedicht: “Wenn du deinen Kopf behalten kannst, während alle um dich herum den ihren verlieren … dein ist die Welt – und alles, was darin ist.” Wenn Kipling der Chef eines Autoherstellers oder Zulieferers in der momentanen Krise gewesen wäre, würden wir wissen, ob er nur ein großer Dichter war, oder darüber hinaus eine große Seltenheit – eine Führungsperson mit der Fähigkeit, in Krisenzeiten einen kühlen Kopf zu bewahren.
Ja, die momentane Finanzkrise ist heftig und für viele Menschen ist es schwierig, Kredite zu bekommen, um damit neue Autos kaufen zu können. Weil sie jedes Mal, wenn sie die Zeitung aufschlagen oder den Fernseher einschalten, Hiobsbotschaften erhalten, verschieben viele Kunden ihre Fahrzeugkäufe ganz einfach. Natürlich werden viele Wirtschaftswissenschaftler darauf hinweisen, dass große finanzielle Abschwünge in etwa alle 30 Jahre stattfinden. Obwohl schmerzhaft für die meisten und tragisch für einige, wird auch diese Krise vorübergehen. Währenddessen müssen schwierige Entscheidungen getroffen und Kapazitäten gekürzt werden.Doch was auch immer wir noch opfern werden, die Budgets für Forschung und Entwicklung müssen uns heilig bleiben. Warum? Weil jene Spieler, die – wenn auch nur für zwölf Monate – den Ball aus den Augen verlieren, was die Technik angeht, es sehr schwer finden werden, wieder ins Spiel zu kommen. Das bedeutet also, wir müssen einige der Tätigkeiten beibehalten, die auf den ersten Blick am leichtesten gestrichen werden können. Dazu gehören zum Beispiel Berufsentwicklung, Training und Fachtagungen.
Wir müssen über die momentane wirtschaftliche Krise hinausschauen. Erstens wird es weiterhin Autos geben. Wir haben unsere Welt buchstäblich um die persönliche Mobilität herumgebaut. Hinzu kommt, dass sich Hunderte Millionen neuer Kunden in den Schwellenländern zum ersten Mal Fahrzeuge leisten können. Zweitens fordern Verbraucher und Regierungen allseits, dass diese Autos sauberer und sicherer sein sollen. Das sind Forderungen, die nur durch Investitionen in die Technologie erfüllt werden können.
Allerdings sollten wir jede Gelegenheit nutzen, die Welt außerhalb der Autoindustrie daran zu erinnern, wie sehr sie uns braucht und warum wir ihre Unterstützung verdienen. Regierungen auf der ganzen Welt haben sich eingeschaltet und der Bankindustrie unter die Arme gegriffen, obwohl deren Schaden größtenteils selbstverschuldet war.
Wir wollen an die Tatsache erinnern, dass unsere Industrie eine der größten Innovationsquellen ist und jährlich rund 85 Milliarden Euro in Forschung, Entwicklung und Produktion investiert. Ferner spielen wir eine wichtige Rolle dabei, die Technologie anderer Industrien und der Gesellschaft voranzutreiben. Von den Top-Ten-Finanzierern von Forschung und Entwicklung weltweit sind fünf Autohersteller.
Wir wollen außerdem daran erinnern, dass unsere Industrie allein in den 26 größten Wirtschaftsländern mit über 430 Milliarden Euro Steuerzahlungen im Jahr zu einem sehr großen Teil zu den Staatseinnahmen überall auf der Welt beiträgt und dass unsere Industrie mehr als acht Millionen Menschen direkt und 40 Millionen weitere in damit verbundenen Produktionsbereichen und im Dienstleistungsbereich beschäftigt.
Wir dürfen keinesfalls vergessen, dass wir als Ingenieure den Schlüssel zur Bereitstellung sauberer und sicherer persönlicher Mobilität auf nachhaltiger Basis in der Hand haben. Forschung und Entwicklung ist der Lebenssaft der Automobilindustrie. Was immer noch zu tun sein wird, wir dürfen nicht aus Kurzsichtigkeit unsere Zukunft aufs Spiel setzen.
(Autor: Christoph Huß, Leiter Entwicklung Ausland, Typzulassung und Verkehrsmanagement, BMW Group, FISITA-Präsident)






