Ist Automotive Spice Level 3 ein K.O.-Kriterium?

ATZblog | 23. Juli 2008

Wer nicht mindestens Level 3 erfüllt, wird am Markt nicht mehr lange bestehen:
So lautet eine der Botschaften im Rahmen der ATZelektronik-Umfrage zu Automotive Spice. Die Meinung teilen – jedenfalls ansatzweise – viele der Befragten. Andere widersprechen, ohne die Notwendigkeit und die Erfolge des Standards in Frage zu stellen: Level 3 sollte eher interpretiert als pauschalisiert werden – und generell gelte es, Spice mit CMMI zu verheiraten.

Dr. rer. nat. Matthias Klauda„Kein K.O.-Kriterium“
Der Schwerpunkt von Spice liegt in der differenzierten Ermittlung der Prozessreife eines Lieferanten, MMI bietet eine sehr gute Unterstützung für organisationsweite Prozessoptimierung. Beide eignen sich damit natürlich hervorragend als inhaltlicher Leitfaden für die Verbesserung der jeweiligen Entwicklungsprozesse. Anwendung von Spice oder CMMI heißt im konkreten Fall aber natürlich, die eigenen Prozesse sinnvoll und mit kritischem Sachverstand auf die Aspekte des Modells und auf die konkreten Verbesserungspotenziale abzubilden – das heißt, dass Spice oder CMMI in einer auf die spezifische Organisation angepassten Roadmap ein- und angefahren werden. Ein fest vorgegebener Reifegrad – zum Beispiel Level 3 oder mehr – als pauschales K.O.-Kriterium im Automotive Sektor wird nicht den unterschiedlichen Unternehmen, ihren Möglichkeiten und Geschäftsfeldern gerecht. Hier ist in einigen Fällen die angepasste Auswahl von individuellen Kriterien an die Entwicklungsprozesse gemeinsam mit dem Zulieferer zielführender. Für die Zukunft erwarten wir eine nochmals deutlich
transparentere Übertragbarkeit der inhaltlich weitgehend überlappenden Modelle Spice und CMMI.
Hier sind die Modellfachleute gefragt, wie beispielsweise der Arbeitskreis AK 13 des VDA QMC. Diese jeweiligen Stärken von Spice und CMMI sollten erhalten bleiben – eine gegenseitige Abbildung sollte einen unnötigen Modellstreit verhindern.
(Autor: Dr. rer. nat. Matthias Klauda, Geschäftsführer ETAS GmbH)

Henning Butz „ISO-Entwicklungsnormen statt Spice|CMMI“
Vor mehr als zwanzig Jahren vollzog sich im Flugzeugbau ein radikaler Übergang von analoger zu
digitaler, dass heißt softwarebasierter Implementierung sicherheitskritischer Funktionen. Das seinerzeit
noch beibehaltene mechanisch-analoge „back-up“ für die äußerste Notfallsituation ist inzwischen
nahezu vollständig verschwunden. Die Voraussetzung für diesen Technologiesprung war und ist die Verwendung hoch zuverlässiger, fehlerfreier Software. Die Grundlage des notwendigen Qualitätsmanagements besteht in der Einhaltung von Entwicklungsprozessen, die in Sicherheitsstandards wie den Aeronautic Recommended Procedures ARP4754 und RTCA Do178B beschrieben sind und deren Befolgung von unabhängigen Behörden kontrolliert wird. Bezogen auf die Automobilindustrie sind die zuvor genannten Entwicklungsstandards eher mit deren Sicherheitsnormen
IEC61508A oder ISO WD26262 vergleichbar als mit den Vorgaben von CMMI oder Spice, die für die Qualifikation von Softwareprodukten für die Luftfahrt keine Bedeutung haben.
Um mit Gewissheit funktionssichere, zuverlässige Softwareprodukte zu erhalten, wäre aus der Sicht der Luftfahrtindustrie deshalb eher zu empfehlen, auf die Einhaltung der bestehenden IEC- beziehungsweise
ISO-Entwicklungsnormen und ihre unabhängige Kontrolle zu drängen als sich auf ein Hersteller-Rating von mittlerem Spice-Level zu verlassen.
(Autor: Henning Butz, Information Management & Electronic Networks EDYND, Airbus Deutschland GmbH)

Dr.-Ing. Stefan Novotny„Keine buchstabengerechte Übernahme von Spice“
Mit zunehmender Komplexität der Endprodukte wird die Planbarkeit, Messbarkeit und Stabilität der zum Endprodukt führenden Arbeitsprozesse zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Daher wird es für Unternehmen überlebenswichtig werden, ein geeignetes Messverfahren für die Güte seiner Prozesse zu wählen und einzusetzen. Der Spice-Standard bietet ein solches Verfahren und legt mit Level 3 eine Messlatte, die gerade für Automobilzulieferer in Zukunft den Standard darstellen wird. Im Bezug auf softwarelastige Projekte ist auch die Business-Orientierung der Reifegradmessung mit Spice gegeben. Für die Erweiterung der Bandbreite der Reifegradmessung kann mittelfristig aber auch ein anderes Prozess-Modell zum Einsatz kommen, beispielsweise CMMI. Hier sind schlussendlich die jeweiligen Stärken und Schwächen der einzelnen Prozessmodelle ebenso wie die international verschiedenen Kundenwünsche zu berücksichtigen.
Die Kunst bei der Anwendung von Prozess-Standards liegt letztlich nicht in der „buchstabengetreuen“ Übernahme der Modell-Prozesse, sondern in der intelligenten Übertragung der Grundideen auf die Stärken und Schwächen der eigenen Abläufe. Wichtig ist also – wie das übrigens schon bei ISO 9001 oder ISO TS 16949 der Fall war – den „Geist des Standards“ verstanden zu haben und geeignet auf das eigene Unternehmen zu übertragen.
(Autor: Dr.-Ing. Stefan Novotny, Bereichsleiter Unternehmensprozesse, Thyssen Krupp Presta)

Dr. Dieter Rombach „Spice allein ist kein Garant für optimale Prozesse“
Dokumentierte und gelebte Prozesse sind eine notwendige Voraussetzung für vorhersagbare Entwicklung und die Garantie von Qualitäts-Eigenschaften: Spice Level 3 umfasst hierzu grundlegende Praktiken des Engineerings. In der Zusammenarbeit mit Automobilfirmen stellen wir fest, dass diese die Reifegradstufe 3 anstreben. Dieser Level passt auch meist noch gut in die Organisationskultur der Unternehmen.
Das Vertrauen eines Auftraggebers zu einem Level-3 assessierten Auftragnehmer ist höher: dieser Wettbewerbsvorteil führt mittelfristig dazu, dass Unternehmen auf niedrigerem Reifegrad keine Aufträge mehr erhalten werden. Allerdings gibt Automotive Spice nicht vor, welche konkreten Methoden einzusetzen sind. Auch ist es für bestimmte Leistungs- oder Qualitätsaspekte durchaus sinnvoll, einzelne Praktiken höherer Reifegradstufen einzuführen.
Spice schafft zwar Qualitätsbewusstsein in Organisationen und sorgt dafür, dass die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden – aber nach der Produktivität der Entwicklung oder der Fähigkeit, Qualitätseigenschaften eines Produkts zuzusichern fragt beim Assessment niemand. Über den Grad des Einsatzes moderner Verfahren, die unter anderem bei Fraunhofer entwickelt werden, wird es deshalb auch in Zukunft größere Abweichungen in der Leistung zwischen Zulieferern geben – der Reifegrad allein ist für ein Unternehmen jedoch kein Garant für optimale und wettbewerbsfähige Prozesse.
(Autor: Dr. Dieter Rombach, Geschäftsführender Institutsleiter Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE)

Dr. Karl-Heinz Augenstein„Wer Level 3 nicht erfüllt, wird am Markt nicht bestehen“
Seit Januar 2007 ist Automotive Spice anerkannter Standard zur Bewertung und Verbesserung von Software- und Systementwicklungsprozessen. Die Anerkennung wurde nicht nur mit der Anwendung von bestimmten Tools, sondern auch mit der Entstehung einer Qualitätskultur verbunden. Deshalb war die Hoffnung groß, dass die Qualitätssicherung bei der Softwareentwicklung in der Automobilbranche mit dem Standard auf ein tragfähiges Fundament gestellt sein wird.
Inzwischen gibt es eindeutige Erkenntnisse, dass sich diese Entwicklung tatsächlich zum Großteil bewahrheitet: Unternehmen, die auf Automotive Spice Level 3 oder besser sind, liefern ihren Auftraggebern bei Software-Entwicklungsprojekten zuverlässig vorhersagbare Ergebnisse mit hohem Reifegrad und hoher Qualität. Umgekehrt – und etwas prägnanter formuliert – bedeutet das: Wer nicht mindestens Level 3 erfüllt, wird am Markt nicht mehr lange bestehen können.
Die Implementierung von Level 3-konformen Entwicklungsprozessen ist für softwareerstellende Automobilzulieferer deshalb von großer Bedeutung – und weit mehr als nur ein Assessment unter vielen. Die Implementierung verlangt allerdings einen langen Atem. Zum Erreichen von Level 3 benötigt man mehrere Jahre und einen signifikanten Invest, der sich dann allerdings mehrfach bezahlt macht.
(Autor: Dr. Karl-Heinz Augenstein, Principal Kugler Maag)

Ludger Meyer„Eigene Reifegradmodelle orientieren sich an Level 3“
CMMI und Spice geben in definierten Reifegradstufen vor, was zu einem guten Prozess gehört. Man kann diese nutzen, um festzustellen, wo man selbst Defizite hat und welche Herausforderungen man noch zu erfüllen hat. Diese Prozessanalysen sind Basis für die Weiterentwicklung von Prozessen, was wiederum auch einen Veränderungsprozess in der Organisation zufolge haben kann. Die Auseinandersetzung innerhalb der Organisation mit der Entwicklung des Produkts und den eingesetzten Prozessen erfordert darüber hinaus noch weitere Kompetenzen, welche aber nicht unbedingt in einem Reifegradmodell abgebildet sind.
Die Siemens AG verwendet seit mehr als zehn Jahren selbst entwickelte Reifegradmodelle mit dem Ziel der Prozessverbesserung. Die oft gestellt Forderung ist, dass man den Level 3 erfüllen muss – wenigsten in den wichtigsten Prozessgebieten. Dieser Level 3 symbolisiert, dass man ausreichend Prozesse installiert hat, um die Vorgänge in einer Organisation zu managen. Aussagen basieren auf Faktoren, die über das bloße Gefühl hinausgehen. Sie zeigen auch, dass diese Organisation in der Regel das Halten kann was sie verspricht. Dies bedeutet aber auch, dass das Risiko wesentlich geringer ist.
Analysen haben gezeigt, dass Organisationen mit einer guten Prozessreife (größer gleich Level 3) zuverlässiger zuverlässige Ergebnisse liefern. Diese werden sicher in Zukunft bevorzugt, da das wirtschaftliche Risiko sonst nicht abschätzbar ist. Da die Software im Fahrzeug einen immer größeren Anteil einnimmt, wird auch das Augenmerk sich in diese Richtung verschieben. Die Perfektion der Fertigung, wo fast jeder Handgriff geplant und vorhersehbar ist, wird auch von der Software erwartet.
(Autor: Ludger Meyer, Corporate Technology, Software Prozesse, Siemens AG)

Jürgen Belz„Der Level ist nicht immer entscheidend“
Es ist weitgehend anerkannt, dass Software-Engineering im heutigen Sinne nicht nur auf eine gut 40-jährige Tradition zurückblickt, sondern vor allem Best Practices der Erfolgreichen beinhaltet, die auch in den Schlagworten V-Modell, Spice und CMMI zum Ausdruck kommen. Ihre Geburtsstunden wurden allerdings durch die Softwarekrisen in anderen Industrien eingeleitet.
Das Ausbleiben schwerer branchenweiter Softwarekrisen im Automobilbau belegt, dass wir in dieser Industrie die „best practices“ hervorragend umgesetzt haben. Europa hat auch durch Gründung der Herstellerinitiative Software (HIS) eine Vorreiterrolle eingenommen und unterstreicht so das Engagement einer ganzen Industrie, Spitzenprodukte zu entwickeln.
Viele verbinden mit Spice oder CMMI einen Automatismus, der zwangsläufig zu fehlerfreien Produkten führt. Leider wird dabei übersehen, dass kein Kausalzusammenhang zwischen Prozessqualität und Produktqualität besteht. Im Gegenteil zeigt der direkte Vergleich mit CMMI Level 5 Organisationen in Niedriglohnländern wie Indien, dass es nach wie vor deutlich mehr auf das tiefe Verständnis der Funktionen vernetzter Systeme ankommt als auf einen möglichst hohen Reifegrad der Organisation.
Hella hat bereits 2004 das Ziel Spice Level 3 erreicht und investiert trotzdem kontinuierlich beispielsweise in die Erweiterung Spice-konformer Prozesse um Inhalte der Funktionalen Sicherheit. Wir sind davon überzeugt: Wer nicht in innovative Produkte investiert und gleichzeitig seine Effizienz kontinuierlich verbessert, wird es schwer haben, am Markt zu bestehen. Spice Level 3 beziehungsweise CMMI Level 3 ist die notwendige Voraussetzung für beides.
(Autor: Jürgen Belz, Leiter Prozesse, Methoden Tools, Hella KGaA Hueck & Co)

Dr. Dieter Lederer“O.K. als Routenplaner – K.O. ohne Ziel”
Sie wollen verreisen und suchen den besten Weg, um Ihr Ziel zu erreichen. Was tun Sie? Sie geben Ihr Ziel in einen Routenplaner ein und lassen sich eine Empfehlung für die beste Route geben. Das Ergebnis ist klar: Erstens erreichen Sie Ihr Ziel verlässlich. Zweitens folgen Sie einer erprobten Route.
Sie wollen Ihren Entwicklungsbereich optimieren. Was tun Sie? Kennen Sie die Ziele, die Sie damit erreichen wollen und die “Routenplaner”, die Ihnen helfen, diese zu erreichen? SPICE ist Ihr Routenplaner, praxistauglich und erprobt. Dieser funktioniert aber nur, wenn Sie Ihr Ziel kennen, wie beispielsweise Effizienzsteigerung, Umsetzung von ISO 26262, mehr Transparenz in der Projektdurchführung, frühe Fehlerentdeckung, oder bessere Schnittstellen zu den Kundenprozessen. Damit sind Sie in der Lage, SPICE zielorientiert anzuwenden. Klar ist, es gibt verschiedene Routen zum Ziel, die von Ihren Randbedingungen abhängen. Level 3 liefert eine erprobte Route, denn er verknüpft gute Praktiken aus Engineering und Management mit dem Anspruch der kontinuierlichen Verbesserung.
Ist der Routenplaner überhaupt notwendig, mögen Sie fragen. Wer möchte angesichts von Unwägbarkeiten auf der Strecke denn heute noch darauf verzichten? Er ist ein praktisches Werkzeug – so wie auch SPICE. Die Projekte, die wir mit unseren Kunden durchführen, zeigen, dass sie mit SPICE ihre Ziele zuverlässig erreichen. Ein K.O. kommt also nicht vom Werkzeug, sondern von ungenauen oder fehlenden Zielen.
(Autor: Dr. Dieter Lederer, Geschäftsführer Vector Consulting Services GmbH)

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