WOCHENRHYTHMUS

ATZblog | 11. Juli 2008

Wolfgang SiebenpfeifferSicher haben auch Sie schon bemerkt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen der Sonntag der Woche einen festen Rhythmus gab. Die Zeiten liegen hinter uns, in denen die Vorstellung vom Sonntag als dem durch Arbeitsruhe und religiöse Übungen doppelt bestimmten Tag fest in den gesellschaftlichen Ordnungen verankert war. Das Maschinenzeitalter bindet die Arbeit allein an die Zeitmarken der Uhr. Und es führt zunächst zu einer dramatischen Erhöhung der Arbeitszeit. Die Zerstörung des Sonntags ist die scheinbar unaufhaltsame Folge. Nur noch für eine Minderheit der Menschen behält der Sonntag seine orientierende Bedeutung.

Die Verkürzung der Arbeitszeit in den letzten Jahrzehnten führt jedoch nicht dazu, dass der Sonntag wieder in sein ursprüngliches Recht eingesetzt wird; vielmehr entsteht etwas ganz Neues: das Wochenende. Und dieses gerät unter die Herrschaft einer ausgeklügelten und ausgedehnten Freizeitindustrie. Neue Verhaltensweisen bilden sich aus und werden genutzt: der Fußballnachmittag, die Fahrt ins Grüne, die Gartenarbeit, die Grillparty. Freizeitaktivitäten werden zu einem wichtigen Teil im Ritual der ausgehenden Woche. Und der Sonntag selbst wird aus einem Tag der Freiheit oft zu einem besonders belasteten Tag; an ihm vollzieht sich die Übergangskrise in die neue Woche.

Ich spreche von Verallgemeinerungen, und doch enthalten sie oft einen wahren, neues Nachdenken provozierenden Kern. Manche von uns könnten sich durch das heutige Erscheinungsbild des Wochenendes dazu provozieren lassen, neu über die Bedeutung des Sonntags nachzudenken. Ich denke, allein ein überzeugendes Lebensangebot könnte dem Sonntag wieder etwas von seiner ursprünglichen Leuchtkraft zurückgeben. Es geht darum, dass wir die Freiheit des Sonntags als Geschenk verstehen und das so in die Arbeit und das Engagement der Woche ausstrahlen kann.

(Autor: Wolfgang Siebenpfeiffer, Herausgeber ATZ|MTZ)

Eine Reaktion zu “WOCHENRHYTHMUS”

  1. Erich Hoepke

    Hallo Herr Siebenpfeiffer,
    erst heute lese ich den ATZblog (01.08.), was darauf zurückzuführen ist, dass ein 85jähriger Rentner einerseits theoretisch immer Sonntag hat, aber andererseits doch durch Einkaufen, Arztbesuche, Friseur usw. so belastet ist, dass das Wochenende und speziell der Sonntag, eine deutliche Zäsur bedeutet. Heute ist der Sonntag insofern anders als früher, da ich ihn über Jahrzehnte meistens zum Schreiben der insgesamt mehr als 350 Zeitschriftenbeiträge mit verwenden musste. Heute gibt das Fernsehen dem Sonntag ein spezielles Gesicht, z.B. Fernsehgottesdienst am Morgen und “Ich trage einen großen Namen” und “Die Fallers” am Abend. Ein kleiner Spaziergang ist nur selten möglich. Zum Auffrischen unserer Sprachkenntnisse gehören natürlich markige schwäbische Sendungen, auch wenn es wochentags ist.
    Herzlich Ihr Erich Hoepke

Einen Kommentar schreiben