Die Gretchenfrage

ATZblog | 7. Juli 2008

Johannes WinterhagenAn dieser Stelle habe ich mich einige Male gegen überzogene Strafsteuern für leistungsstarke Fahrzeuge eingesetzt. Auch weiterhin bin ich der Überzeugung, dass man bei der Einführung umweltfreundlicher Antriebe vor allem auf Marktmechanismen setzen sollte – und die weltweite Spitzenstellung des deutschen Motorenbaus nicht leichtfertig riskieren sollte.

Unsere am 3. Juni 2008 in München eröffnete Motortechnische Konferenz hat mir jedoch einen neuen Blickwinkel eröffnet: Die durch die CO2-Strafsteuer zu erwartende Verteuerung kann auch als Entwicklungsbudget genutzt werden. Wenn bei einem Fahrzeug der oberen Mittelklasse 3.000 Euro mehr für innovative Technologien ausgegeben wird, dann können neue, innovative Wege beschritten werden, die man ansonsten von vorne herein als zu aufwändig aussortiert hätte.

Beispielsweise stellte die Universität Stuttgart ein Gemischbildungsverfahren vor, dass die Common-Rail-Einspritzung durch eine zusätzliche Saugrohreinspritzung ersetzt – beim Diesel! Der Kraftstoff wird dabei in einer beheizten Kapillare verdampft, wobei ein Aerosol mit minimalem Tröpfchendurchmesser entsteht. Dieser über das Saugrohr dem Brennraum zugeführte Kraftstoffnebel ersetzt dann bei unterer Teillast die Direkteinspritzung – aufgrund der guten Durchmischung mit signifikant positiven Ergebnissen für Partikel- und NOx-Rohemissionen. Ob sich die bislang nur stationär applizierte äußere Gemischbildung tatsächlich im transienten Betrieb durchsetzt, kann ich nicht voraussehen. Wichtig ist, dass sich das Gesichtsfeld öffnet und unkonventionelle Wege zumindest eine Chance auf eine fundierte Bewertung haben.

Von den ersten zwei Jahrzehnten Automobilbau abgesehen, ist dies die spannendste Zeit in der Geschichte des Fahrzeugantriebs. Es gilt, die Gretchenfrage zu beantworten: Wie hältst Du’s mit dem Antrieb der Zukunft, wenn Erdöl nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung steht?

Ich persönlich bin stolz darauf, dass wir mit der MTZ diese spannende Zeit begleiten dürfen.
(Autor: Johannes Winterhagen, Chefredakteur ATZ|MTZ)

3 Reaktionen zu “Die Gretchenfrage”

  1. Friedemann Weber

    Hallo Herr Winterhagen,
    kritisches Querdenken hat für uns Menschen immer einen positiven Ausgang: Das bisher Erreichte wird von mehreren Seiten in Frage gestellt, besonders von Seiten, die wir nicht gesehen haben, weil sich unser Blick im Laufe der Zeit zu sehr eingeengt hat. Die kritischen “Querfragen” hingegen helfen, den Horizont zu erweitern und eröffnen dadurch Wege, die zur richtigen Lösung führen, das Ziel wird erreicht.;
    Ihre Kommentare haben für mich den Charakter des “Querfragens”, und das bereichert die MTZ enorm. Es geht ja nicht nur um reine fachliche Themen im Berufsleben eines Ingenieurs, gerade die nicht sichtbaren Bereiche in unserem Alltag sind die Grundlage für unseren Erfolg. Sie zumindest zu streifen, ist ebenfalls eine wichtige Aufgabe, der Sie in der MTZ konsequent nachgehen. Dafür möchte ich Ihnen danken.
    Ihre Hoffnung, mit 3000 EUR Strafsteuer mehr für innovative Technik zu investieren, teile ich insofern, dass ich mir natürlich auch umweltfreundliche und resourcenschonende Technologien wünsche (nicht umsonst bin ich Ingenieur :-) ). Aber die Frage ist doch, wer diese 3000 EUR an Strafsteuer bekommt. Verteuern sich die Fahrzeuge um diese 3000 EUR im Listenpreis (also ein Verlagern der Steuer vom OEM auf den Fahrzeugkäufer), gebe ich Ihnen Recht: Dieses Geld kann und muss für neue Technologien investiert werden. Bleibt es hingegen bei einer Strafsteuer, die an den Staat fließt, ist diese Maßnahme wirkungslos: Der Umwelt- und Resourcenschonung jedenfalls kommt die Steuer wohl nicht zu Gute.
    Mit freundlichen Grüßen
    Friedemann Weber

  2. Kai Peter Keller

    Hallo Herr Winterhagen,
    in Ihrem 2ten Satz Ihres Beitrages zur Gretchenfrage nennen Sie das einzige Instrument, welches wir meiner Meinung nach für die Entwicklung umweltfreundlicher Technologien brauchen, den Markt. Eine Möglichkeit, Entwicklungen zu forcieren ist die “Strafsteuer”, sinnvoller wäre aber die Abschaffung der hubraum- und CO2 Ausstoß bezogenen Steuer und deren Umlegung auf den Literpreis. Wer dann meint, einen Pickup besitzen zu wollen, um ihn am Wochenende auszuführen, zahlte dann Steuern für den tatsächlich verursachten Ausstoß, wie alle anderen PKW Nutzer auch. Darüber hinaus fiele der fatale gedankliche Irrweg, ich habe Strafsteuern bezahlt, ich muss auch fahren, weg. Statt viele weitere Beispiele auszuführen, fasse ich diesen sicherlich nicht neuen Gedanken in einem Satz zusammen. Der mündige Bürger muss bei jedem Fahrtantritt über die Art und Weise der Fortbewegung unter Berücksichtigung der absolut entstehenden Kosten selbst entscheiden dürfen, was die Industrie zur sparsamen Motortechnologie zwingen wird.

    mfg Kai Keller

  3. Erich Hoepke

    Hallo Herr Winterhagen, der Weg vom Sender zum Empfänger (Gehirn) ist zweifellos länger geworden, genannt “Lange Leitung”. Vielleicht ist es schon zu spät, aber ich möcht doch kurz schreiben. Die Entwicklung zeigt doch deutlich, dass Große Automobile eine Schrittmacherfunktion haben und dass für moderne Technik gerne ein höherer Preis gezahlt wird. Natürlich gehören entsprechende Motoren dazu und letzlich profitieren kleinere Modelle phasenverschoben von der dann billiger gewordenen Technik der “Großen”.

    Interessant ist dabei, dass Oberklassefahrzeuge nur von Herstellern großer Fahrzeuge wirklich Erfolg haben; aber am Beispiel des smart fourfour ist zu sehen, dass von einem kleinen Modell trotz hervorragender Techik eine Vergrößerung keinen Erfolg hat.

    Bei Nutzfahrzeugen basiert die Entwicklung leistungsstarker Motoren seit Anfang der 30er Jahre durch stetige Weiterentwicklung zu höheren Motorleistungen. Waren früher die Doppelmotoren mit hoher Leistung ein zu großer Sprung in die Zukunft, sind hohe Motorleistungen heute bei allen namhaften Herstellern kein Problem mehr, da durch Baukastensystem, Teilegleichheit und verschieden hohen Aufladegrad allen Anforderungen genügt werden kann.

    Große Pkw sollte es weiterhin als wichtige “Erprobungsträger” geben, damit die kleinen Modelle davon profitieren können. Große Pkw sind wichtiger als die “Reichensteuer”, nur sollten die großen Wagen artgerecht nicht im Gewühle in der City verwendet werden, dafür ist wohl meistens ein kleiner Zweit- oder sogar Drittwagen vorhanden.
    Herzlich Ihr Erich Hoepke

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